Wie praktisch! Die Seefestung aus dem Zweiten Weltkrieg lag gerade außerhalb des britischen Hoheitsgebiets. Am 2. September 1967 gründete dort der britische Major Paddy Roy Bates das unabhängige Fürstentum Sealand.
Rund zehn Meilen von der englischen Nordseeküste entfernt, am Rand der Themsemündung, steht im seichten Wasser, auf einer Sandbank, eine Seefestung aus dem 2. Weltkrieg. Zwei große hohle Betontürme mit einer Plattform obendrauf bieten Platz für hundert Mann plus Ausrüstung, Waffen und Proviant. Früher hatten auf ihr tapfere britische Soldaten die Heimat verteidigt, dann, als aus Feinden Freunde geworden waren, stand die Festung einige Zeit leer, bis eines schönen Tages Paddy Roy Bates daherkam und alle Welt in Verwirrung stürzte.
Zu weit für den Arm der Justiz
Bates, ein ehemaliger Soldat seiner Majestät des Königs, nahm zusammen mit Freunden und Familie die Plattform in Besitz und richtete sich auf ihr häuslich ein. Eigentlich hatte Bates auf seinem neuen Domizil einen Piratensender betreiben wollen. Die Festung nämlich lag außerhalb der britischen Hoheitsgewässer, zu weit für den Arm der Justiz. Aber: Bates hatte eine viel bessere Idee. Wieso nicht auf der Seeplattform ein kleines Imperium gründen? In dem man nicht nur sein eigener "Herr", sondern gleich auch noch "Herrscher" sein konnte. Und so erklärte Major Roy Bates am 2. September 1967 die Seefestung "Roughs Tower" zum unabhängigen "Fürstentum Sealand" und tat kund, dass künftighin er und seine Gattin mit "Fürst Roy und Fürstin Joan von Sealand" anzusprechen seien.
Die britische Krone reagierte sehr undiplomatisch: mit Marinesoldaten, die Bates da runterholen sollten. Weil der auf die Boote schießen ließ, wurde er vor Gericht gestellt, wo sich aber herausstellte, dass er das durfte, denn: Das Fürstentum lag ja außerhalb der britischen Hoheitsgewässer. Auch Steuern, Sozialversicherungsbeiträge und Rundfunkgebühren zu zahlen, weigerte sich Bates. Stattdessen ließ er Sealand-Münzen prägen, Sealand-Pässe drucken und eine eigene Verfassung ausarbeiten. Ein wenig getrübt wurde des Fürsten Tun durch die Tatsache, dass kein anderes Land der Welt sein Reich anerkennen wollte. Eine von Menschenhand gemachte Plattform, hieß es, mit noch nicht mal dem kleinsten Stückchen Erde drauf, könne kein Staat sein.
Wenig Glück hatte Bates auch mit seinem Premierminister, einem Deutschen namens Achenbach. Der hatte eines Tages, als das Fürstenpaar geschäftlich in Salzburg weilte, auf der Festung geputscht und den Fürsten für abgesetzt erklärt. Bates hat kurzerhand ein paar schwer bewaffnete Jungs angeheuert, seine Festung per Hubschrauber zurückerobert und die Putschisten gefangengesetzt. Um den Premierminister wieder freizubekommen, musste eigens der deutsche Botschafter eingeschaltet werden. Bates hat die Bemühungen dieses Mannes später als Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen einander anerkennenden Staaten gewertet. Die Bundesrepublik widersprach entschieden.
Reihenhaus statt Fürstentum
Viel gäbe es noch zu erzählen von Sealand. Dass Bates eine Nationalhymne komponieren ließ. Dass es auf der Plattform gebrannt hat und die Familie Bates ihr Fürstentum per Spendensammlung im Internet wieder aufbauen ließ. Und dass der alternde Fürst schließlich zurückgetreten ist und seinen Sohn Michael als Nachfolger eingesetzt hat. Mittlerweile ist der allerdings aufs Festland in ein kleines Reihenhaus gezogen. Bates selbst ist vor nicht langer Zeit gestorben, und die Plattform liegt wieder verwaist in der See. Die goldenen Zeiten des Fürstentums Sealand scheinen endgültig vorbei.