Großmutter Gontrau verbrachte eine schlaflose Nacht, und als sie andern Tages am Frühstückstisch erschien, sah sie so angegriffen aus, daß es allen auffiel. Auf die Frage, was ihr fehle, erwiderte sie, daß sie nur ein wenig Kopfweh habe; sie sehne sich nach frischer Luft und wolle einen kleinen Spaziergang machen. Ruth erbot sich, die Mutter zu begleiten, doch Ilse wünschte allein zu gehen, dann brauche sie nicht zu reden. Irma und Flora sollten den Morgen benützen, um ihre Toiletten für das große Ereignis, die Hochzeit, in Ordnung zu bringen, auch die andern hätten gewiß noch manches zu besorgen, und sie wolle niemand stören.
Großmutter Ilse ging nicht weit. Das Gartentor von Müllers Villa stand offen, und in der Laube saßen Maud und John.
„Was, liebe Großmama, du hast dich so früh schon aufgemacht?“
„Ja, liebes Bräutchen, ich hatte ein paar Besorgungen zu machen und wollte mich hier ein Weilchen ausruhen. Du brauchst Mama nicht zu rufen, ich weiß, wieviel sie zu tun hat. Wo sind die jungen Leute?“
„Ludwig und Agnes sind spazieren gegangen. Natürlich, wenn die mal auskneifen können, tun sie's mehr wie gern. Hans war eben hier, jetzt ist er mit Papa hinten im Garten.“
„So will ich ihn aufsuchen, ich muß ihm etwas sagen. Nein, liebes Kind, nicht neugierig sein. Du weißt, in den Hochzeitstagen hat die Familie eine Menge Geheimnisse, von denen das Brautpaar nichts wissen darf.“
„O, ich bin nicht neugierig,“ erwiderte Maud und setzte sich ruhig wieder neben John, der ihr aus einer englischen Zeitung vorlas, während sie mit einer Handarbeit beschäftigt war.
Hans kam gerade um die Ecke und zeigte sich sehr erfreut, Ilse zu sehen.
„Schon so früh hier, gnädige Frau? Ich will Frau Müller rufen.“
„Nein,“ versetzte die alte Dame, „das ist nicht nötig. Eigentlich kam ich zu Ihnen, Reicher, denn ich erwartete Sie hier zu finden.“
„Zu mir, gnädige Frau? Kann ich etwas für Sie tun?“
„Ja,“ sagte Ilse. „Wollen Sie mich nach Hause begleiten?“
„Sehr gern. Ich stehe ganz zu Ihren Diensten.“
Sie verließen zusammen die Villa und plauderten einige Augenblicke über gleichgültige Dinge. Dann schlug Großmutter Gontrau einen Seitenweg ein, der durch einen kleinen Park nach ihrer Wohnung führte. Hier war es sehr still. Hans, der noch immer nicht wußte, was sie mit ihm zu besprechen hatte, schaute sie verwundert von der Seite an.
„Darf ich Ihnen eine unbescheidene Frage vorlegen, Reicher?“
Hans nickte ein wenig beklommen, er wußte selbst nicht warum.
„Lieben Sie meine Enkelin Irma?“
„Ja, gnädige Frau,“ sagte er schlicht, aber das genügte. Der ernste Ausdruck seiner grauen Augen, der tiefe, volle Klang seiner Stimme machten alle weiteren Beteuerungen überflüssig.
Ilse reichte ihm die Hand.
„Das freut mich,“ erwiderte sie, „ich glaube nicht, daß es auf der ganzen weiten Welt einen Mann gibt, dem ich sie lieber anvertrauen würde.“
„O, wie innig danke ich Ihnen, gnädige Frau,“ stammelte Hans entzückt.
„Und doch muß ich Ihnen abraten, ihr jetzt schon die große Frage zu stellen. Warten Sie noch.“
„Weshalb raten Sie mir das, gnädige Frau?“
„Irma ist noch so jung ...“ entgegnete Ilse zögernd, „so unbesonnen.“
„Ach, gnädige Frau, wenn das der einzige Grund ist, dann glaube ich, daß eine Liebe wie die meine, so warm, so treu und gut gemeint, sie reifer machen wird.“